Die Zeitlosen - Theater aus Soltau

Es war die Lerche (2002)

Romeo und Julia auf Abwegen

Gelungene Premiere der Theatergruppe "Die Zeitlosen" mit Kishons "Es war die Lerche"

Soltau. Eine rundum gelungene Premiere feierte das Theater-Ensemble "Die Zeitlosen" mit seiner Inszenierung von Ephraim Kishons "Es war die Lerche".
In der mit rund 350 Zuschauern gut besuchten Aula des Soltauer Gymnasiums hatte das vor Spielfreude sprühende Trio Ines Marquardt, Volker Thürasch - beide in mehreren Rollen - und Niels Kaden unter der Regie von Werner Küttner und Erika Dobbrick mit Kishons unnachahmlich ironisch-zynischen Art die Lacher auf seiner Seite.

Das "heitere Trauerspiel" des ungarisch-israelischen Humoristen befasst sich mit der These, was wohl aus William Shakespeares Romeo und Julia geworden wäre, hätten sie anno 1593 die Nacht in der Gruft der Familie Capulet überlebt. Da sie sich nicht an Shakespeares Regieanweisung gehalten haben, ist die Strafe hart, aber gerecht: Ehe - und die sogar lebenslänglich. So steht es selbst um das klassische Liebespaar der abendländischen Literatur nach 30 Jahren Lebensbund alles andere als gut. Romeo Montague (Volker Thürasch) hält sich und seine Familie als Ballettlehrer mehr schlecht als recht über Wasser.
Gattin Julia Montague-Capulet (Ines Marquardt), um ewige Jugend ringende Hausfrau, findet als verkniffene Kritikerin ihres "Momos" kaum weniger Befriedigung. Alltagsstreitigkeiten über den Abwasch und die Finanzierung einer Haushaltshilfe prägen das Bild der bröckelnden Ehe.

Die zahlreichen Reibungspunkte sind aber auch zu offensichtlich. So hört Julia ihm zum Beispiel schon lange nicht mehr zu, und Romeo pflegt eine heiße Liaison mit seiner Warmflasche "Lisa". Ihre rebellierende 14-jährige Tochter Lucretia, gezeichnet von intensivem Männer- und Drogenverbrauch, Julias redselige Amme (beide Ines Marquardt) sowie der leicht demente und trotz Zölibat für einen Flirt immer zu habende Franziskanerpater - Lorenzo (Volker Thürasch) geben den beiden den Rest. Sinnbildlich für die gescheiterte Ehe sind sich die Streithähne in der berühmten Frage nach der Nachtigall oder der Lerche in den vergangenen drei Dekaden immer noch nicht einig geworden. Das Wort Scheidung schwebt wie ein Damoklesschwert über ihren Köpfen. Wer kann den beiden in ihrer ausweglosen Situation nur noch helfen? Ein klarer Fall für ihren Schöpfer höchstpersönlich.
Schließlich habe William Shakespeare (Niels Kaden) sie eigentlich erst in diese missliche Lage gebracht - zumindest ein Punkt, über den sich die Lebenspartner einig sind.
So kehrt der tiefgekränkte Dichtervater - obwohl seit Jahren verblichen - als sehr realer Geist zurück und weist die Schuld von sich: "Das Schönste meiner Liebesdramen habt ihr zu einem lächerlichen Possen-Spiel zerpflückt." Dennoch erklärt er sich bereit, für sein Paradestück die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Doch anstatt die Situation zu klären, verliebt sich der Dramatiker in den missratenen Sprössling Lucretia. Die pubertierende Gör lässt sich von dessen "geschraubtem" Dahergerede nicht abschrecken und macht ihrem "Willi" eindeutige Avancen. Schließlich verkörpert er für sie die Chance, endlich der elterlichen Tristesse zu entfliehen. Doch der geltungssüchtige Dichter will es seinem abwegigen Paradepaar vorher noch zeigen und sinnt auf Wiedergutmachung für das vor über 30 Jahren misslungene Finale. So steckt er Romeo kurzerhand ein Fläschchen Gift zu - so was hat ein Autor immer zur Hand, "falls das Ende einer Tragödie etwas ins Stocken geraten sollte". Schließlich wäre jener nach dem plötzlichen Tod der betuchten Lady Capulet bei Julias Ableben einziger Erbe. Ihrerseits ist Julia der Stoßgebete an "sancto anonymo" Schutzpatron der frustrierten Ehefrauen, Leid und entwendet Pater Lorenzos Kutte einen weiteren Flakon Gift. So nimmt das Schicksal seinen am Ende völlig unerwarteten Lauf...

Die drei Schauspieler glänzen individuell durch hervorragende Mimik, ausgereiftes Zusammenspiel sowie stimmlich einwandfreie Soli. Ines Marquardt weiß in der Rolle der Julia mit Charme und Spielwitz zu überzeugen, erhascht sich als Plaudertasche (Amme) einen Niedlichkeitsbonus, ist als pubertierende "Luci" geradezu schrecklich liebenswert. Als "Rettich-Junkie" Romeo glänzt Volker Thürasch vor allem in seiner "Ode an die Wärmflasche", Pater Lorenzo verkörpert er gekonnt mit dem gewissen Augenzwinkern, das die Rolle eines 98-jährigen Lüstlings erfordert. Theatralisch-melancholisch bringt "Shakespeare" Niels Kaden die erhabene Adelssprache hervorragend auf sowie neben die Bühne. Er bereichert so mit dem gelungenen Brückenschlag zum elisabethanischen Theater das Stück um eine weitere Dimension.

Quelle Böhme-Zeitung Soltau